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	<title>Kommentare zu: Kontroversenlust und Kontroversenscheu in der digitalen Wissenschaftskommunikation</title>
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		<title>Von: Gelehrte Polemik heute &#171; philology &#38; irony</title>
		<link>http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/comment-page-1/#comment-79</link>
		<dc:creator>Gelehrte Polemik heute &#171; philology &#38; irony</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Dec 2009 15:21:48 +0000</pubDate>
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		<description>[...] sehr kluge Überlegungen zur Funktion der Kontroverse in den Geisteswissenschaften angestellt (vgl. http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/). Ergänzend muss aber auch über die Frage nachgedacht werden, wie wir in den [...]</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>[...] sehr kluge Überlegungen zur Funktion der Kontroverse in den Geisteswissenschaften angestellt (vgl. <a href="http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/)" rel="nofollow">http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/)</a>. Ergänzend muss aber auch über die Frage nachgedacht werden, wie wir in den [...]</p>
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		<title>Von: Kai Bremer</title>
		<link>http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/comment-page-1/#comment-70</link>
		<dc:creator>Kai Bremer</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Aug 2009 12:15:02 +0000</pubDate>
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		<description>Zustimmung ist ja eine schöne Sache, aber ich denke, dass wir uns nicht so einig sind, wie es Oliver Trübestein im Kommentar zu meinem Fritz-Kommentar nahelegt:
1. Ich zucke bei dem Wort &quot;Streit&quot; - zumindest soweit mir bewusst - nicht zusammen, auch nicht kurz. Ich halte freilich den Begriff &quot;Kontroverse&quot; in vielerlei Hinsicht für griffiger. Deswegen bevorzuge ich ihn gegenüber &quot;Streit&quot;.
2. Einen Verlust von Streitkultur zu diagnostizieren, setzt voraus, dass es eine solche gegeben hat und dass diese auch positiv bzw. als bewahrenswert bewertet wird. Das wäre zunächst zu prüfen. Ich bezweifle, dass eine solche öffentliche Streitkultur in Deutschland breit entwickelt war bzw. ist. Ich finde Modelle, die schlicht von Veränderungen ausgehen und diese nicht gleich mittels der Moralkeule bewerten auf jeden Fall sympathischer.
3. Mich hat der Eintrag von Felix Salmon im SZ-Magazin im Gegensatz zu Trübestein ganz und gar nicht überzeugt. Einmal davon abgesehen, dass mich Verallgemeinerungen über das Verhalten &quot;in Deutschland&quot; und über &quot;die Deutschen&quot; eh immer nerven, wirkt Salmons Lamentieren über die unterentwickelte blog-Kultur auf mich doch eher wie das Gejammer von Schriftstellern, die das Publikum statt sich selbst dafür verantwortlich machen, dass sie nicht gelesen werden. Ich möchte einfach mal die Gegenthese aufstellen, dass in kaum einer Sprache mehr gebloggt wird als im Deutschen, wenn man es nicht gerade mit dem Englischen vergleicht, wie das Salmon stillschweigend zu tun scheint. Und sollten in Deutschland tatsächlich weniger Menschen bereit sein, vergleichsweise unreflektiert ihre Gedanken und Ansichten in blogs auszustellen als in anderen Ländern, dann spricht das - zumindest in meinen Augen - nicht gegen deutsche blogger, sondern für sie! Das hat mit Karrieredenken oder gar Angst (vgl. These 5 bei Salmon) gar nichts zu tun, sondern mit Verantwortung.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Zustimmung ist ja eine schöne Sache, aber ich denke, dass wir uns nicht so einig sind, wie es Oliver Trübestein im Kommentar zu meinem Fritz-Kommentar nahelegt:<br />
1. Ich zucke bei dem Wort &#8220;Streit&#8221; &#8211; zumindest soweit mir bewusst &#8211; nicht zusammen, auch nicht kurz. Ich halte freilich den Begriff &#8220;Kontroverse&#8221; in vielerlei Hinsicht für griffiger. Deswegen bevorzuge ich ihn gegenüber &#8220;Streit&#8221;.<br />
2. Einen Verlust von Streitkultur zu diagnostizieren, setzt voraus, dass es eine solche gegeben hat und dass diese auch positiv bzw. als bewahrenswert bewertet wird. Das wäre zunächst zu prüfen. Ich bezweifle, dass eine solche öffentliche Streitkultur in Deutschland breit entwickelt war bzw. ist. Ich finde Modelle, die schlicht von Veränderungen ausgehen und diese nicht gleich mittels der Moralkeule bewerten auf jeden Fall sympathischer.<br />
3. Mich hat der Eintrag von Felix Salmon im SZ-Magazin im Gegensatz zu Trübestein ganz und gar nicht überzeugt. Einmal davon abgesehen, dass mich Verallgemeinerungen über das Verhalten &#8220;in Deutschland&#8221; und über &#8220;die Deutschen&#8221; eh immer nerven, wirkt Salmons Lamentieren über die unterentwickelte blog-Kultur auf mich doch eher wie das Gejammer von Schriftstellern, die das Publikum statt sich selbst dafür verantwortlich machen, dass sie nicht gelesen werden. Ich möchte einfach mal die Gegenthese aufstellen, dass in kaum einer Sprache mehr gebloggt wird als im Deutschen, wenn man es nicht gerade mit dem Englischen vergleicht, wie das Salmon stillschweigend zu tun scheint. Und sollten in Deutschland tatsächlich weniger Menschen bereit sein, vergleichsweise unreflektiert ihre Gedanken und Ansichten in blogs auszustellen als in anderen Ländern, dann spricht das &#8211; zumindest in meinen Augen &#8211; nicht gegen deutsche blogger, sondern für sie! Das hat mit Karrieredenken oder gar Angst (vgl. These 5 bei Salmon) gar nichts zu tun, sondern mit Verantwortung.</p>
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	<item>
		<title>Von: Oliver Trübestein</title>
		<link>http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/comment-page-1/#comment-69</link>
		<dc:creator>Oliver Trübestein</dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2009 14:03:02 +0000</pubDate>
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		<description>Zweifelsfrei schließe ich mich dem vorigen Kommentar an, dass hier der Finger in eine offene Wunde gelegt wurde. Bleibt die Hoffnung, dass, nachdem Witterung aufgenommen wurde, die Fährte nicht verlorengeht. In diesem Sinne möchte ich vermeiden, die Spuren zu verwischen, sondern ein paar zusätzliche Hinweise zu liefern - auch wenn mein Kommentar nicht streng wissenschaftlich ist.
Ich denke, dass wir vor einem zunehmenden Verlust der Streitkultur stehen. (Merken Sie, wie Sie beim Wort „Streit“ kurz gezuckt haben“). Meine Beobachtung ist, dass sich dieses Phänomen nicht nur in der Scientific Community konkretisiert, sondern in Politik, Kirche Unternehmen und auch im Mikro-Biotop der Familie sichtbar ist. Streit in Form von Diskussion wird als unangenehm und lästig empfunden und vor allem könnte das Image leiden. Dabei wird das klassische Naturgesetz außer Kraft gesetzt, dass aus Reibung Energie entsteht.
Der Wirtschaftsblogger Felix Salmon stellt in dem fabelhaften Süddeutsche Magazin zur Zukunft des Journalismus (19/2009) Thesen auf, warum Blogs insbesondere in Deutschland nicht funktionieren (http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29176). Hier führt er auch an, dass das Spontane, Reaktion erzeugende Element schmerzlich vermisst wird und Beiträge in Blogs wenig Diskussionspotenzial bieten.
Vielleich ist eine Ursache dafür, dass man nicht mehr unterscheiden kann, wann die Argumente „ad rem“ und wann sie „ad hominem“ zielen. Vielleicht können wir nicht mehr sprachlich entschlüsseln, ob es nur um die Sache geht und sehen alles als persönlichen Angriff. Haben wir das Streiten verlernt?
In Unternehmen wird immer mehr darauf geachtet, die Existenz von divergierenden Meinungen zu negieren. Ein deutlicher Hinweis, dass man sich mit einer Philosophie des konfliktfreien Managens auf dem Holzweg befinden kann findet sich in dem lesenswerten Beitrag von Jeffrey A. Sonnenfeld über die Zusammensetzung von Management Boards (Sonnenfeld, Jeffrey A.: What Makes Great Boards Great. Harvard Business Review, Sep 2002, 106-113).</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Zweifelsfrei schließe ich mich dem vorigen Kommentar an, dass hier der Finger in eine offene Wunde gelegt wurde. Bleibt die Hoffnung, dass, nachdem Witterung aufgenommen wurde, die Fährte nicht verlorengeht. In diesem Sinne möchte ich vermeiden, die Spuren zu verwischen, sondern ein paar zusätzliche Hinweise zu liefern &#8211; auch wenn mein Kommentar nicht streng wissenschaftlich ist.<br />
Ich denke, dass wir vor einem zunehmenden Verlust der Streitkultur stehen. (Merken Sie, wie Sie beim Wort „Streit“ kurz gezuckt haben“). Meine Beobachtung ist, dass sich dieses Phänomen nicht nur in der Scientific Community konkretisiert, sondern in Politik, Kirche Unternehmen und auch im Mikro-Biotop der Familie sichtbar ist. Streit in Form von Diskussion wird als unangenehm und lästig empfunden und vor allem könnte das Image leiden. Dabei wird das klassische Naturgesetz außer Kraft gesetzt, dass aus Reibung Energie entsteht.<br />
Der Wirtschaftsblogger Felix Salmon stellt in dem fabelhaften Süddeutsche Magazin zur Zukunft des Journalismus (19/2009) Thesen auf, warum Blogs insbesondere in Deutschland nicht funktionieren (<a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29176" rel="nofollow">http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29176</a>). Hier führt er auch an, dass das Spontane, Reaktion erzeugende Element schmerzlich vermisst wird und Beiträge in Blogs wenig Diskussionspotenzial bieten.<br />
Vielleich ist eine Ursache dafür, dass man nicht mehr unterscheiden kann, wann die Argumente „ad rem“ und wann sie „ad hominem“ zielen. Vielleicht können wir nicht mehr sprachlich entschlüsseln, ob es nur um die Sache geht und sehen alles als persönlichen Angriff. Haben wir das Streiten verlernt?<br />
In Unternehmen wird immer mehr darauf geachtet, die Existenz von divergierenden Meinungen zu negieren. Ein deutlicher Hinweis, dass man sich mit einer Philosophie des konfliktfreien Managens auf dem Holzweg befinden kann findet sich in dem lesenswerten Beitrag von Jeffrey A. Sonnenfeld über die Zusammensetzung von Management Boards (Sonnenfeld, Jeffrey A.: What Makes Great Boards Great. Harvard Business Review, Sep 2002, 106-113).</p>
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		<title>Von: Kai Bremer</title>
		<link>http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/comment-page-1/#comment-65</link>
		<dc:creator>Kai Bremer</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2009 11:49:30 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/?p=99#comment-65</guid>
		<description>Gerd Fritz hat mit seinem Beitrag den Finger in eine Wunde der gegenwärtigen Wissenschaftskultur insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften gelegt. Seinem Befund stimme ich zu, allerdings möchte ich ihn etwas differenzieren, um dann, von seinen Überlegungen ausgehend, zwei konkrete Vorschläge zu formulieren.

Seiner Darstellung, dass insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften eine Kontroversenkultur derzeit kaum entwickelt ist, sollte differenziert werden. Es gibt beispielsweise Fachzeitschriften, in denen der Diskussion bzw. Kritik viel Platz eingeräumt wird. Ich denke etwa an die Diskussion um das &quot;Wissen in der Literatur&quot;, die von Tilmann Köppe in der &quot;Zeitschrift für Germanistik&quot; losgetreten wurde (2/2007). Problematisch für die Entstehung einer Kontroverse sind solche Diskussionen in Fachzeitschriften in erster Linie wegen der langen Zeiträume zwischen &quot;Initialtext&quot; (Wilfried Barner) und Replik. Kontroversen in den Geistes- und Kulturwissenschaften haben in der Regel eine Taktung, die der der Frühen Neuzeit entspricht. Das bedeutet, dass die Kontroverse manchmal erst nach mehr als einem Jahr aufgenommen bzw. fortgeführt wird. Nur wenige Zeitschriften sind in der Lage, hier eine raschere Fortführung der Kontroverse zu gewährleisten. Das genannte Beispiel ist eine seltene, positive Ausnahme. Diese langsame Taktung korrespondiert in keiner Weise mit der Beschleunigung der Wissenschaft, die ansonsten zu bemerken ist und die übrigens auch schon in der Aufklärung einsetzt - nur dass heute (anders als im 18. und 19. Jahrhundert) kaum mehr Medien in den genannten Wissenschaften etabliert sind, die dieser Beschleunigung Rechnung tragen. Zeitgenössische mediale Rahmungen sind aber Voraussetzung für eine breit rezipierte Kontroverse, denn die lebt immer auch vom Eindruck der Vehemenz und Engagiertheit, und dieser kommt eben auch durch die Schnelligkeit der Reaktion zum Ausdruck.

Mein Befund lautet also, dass uns das Interesse an der Kontroverse nicht ganz und gar abhanden gekommen ist, dass diese aber im wissenschaftlichen Diskurs auf Grund der Taktung einen entschiedenen Bedeutungsverlust erfahren hat. Ich meine auch nicht, dass diesem Bedeutungsverlust schlicht dadurch begegnet werden kann, dass Rezensionsorgane Replik-Möglichkeiten eröffnen. Sie werden fast nur von den Rezensierten genutzt. Eine Replik eines Rezensierten steht meist unter dem Verdacht, dass sie um Schadensbegrenzung und Vorteilnahme in eigener Sache bemüht ist und nicht um eine Kontroverse um den Gegenstand. Eine solche Replik erlangt deswegen meist keine Aufmerksamkeit.
Da ich den Überlegungen von Marcelo Dascal und Gerd Fritz zustimme, dass Kontroversen wesentlich sind für die weitere Entwicklung und die Lebendigkeit einer Wissenschaft, ist also zu fragen, welche Rahmungen geschaffen werden müssen, um die atemberaubend langsame Taktung von geistes- und kulturwissenschaftlichen Kontroversen zu verändern. Gerd Fritz hat in seinem Beitrag schon deutlich gemacht, dass Formate dafür vorliegen, dass sie nur nicht genutzt werden. Ich möchte zwei Vorschläge formulieren - Widerspruch dazu ist, das liegt in der Natur der Sache, willkommen.
1. Im Internet Rezensierte müssen die Möglichkeit eingeräumt bekommen, einer Redaktion Widerspruch gegen eine Rezension mitzuteilen. Die Redaktion sollte diese prüfen und sich dann um eine Antikritik bemühen. Sollte die Redaktion keinen Antikritiker finden, kann erwogen werden, ob dem Rezensierten die Möglichkeit eingeräumt wird, einen Antikritiker zu benennen. Potentielle Parteilichkeit kann die Redaktion publik machen - Parteilichkeit als solche ist aber kein Hinderungsgrund für eine Antikritik, sondern einer ihrer wesentlichen Motoren. Es gilt also gewissermaßen: Mehr Parteilichkeit wagen!
2. Die Geistes- und Kulturwissenschaften müssen zu einem neuen Umgang mit der Verletzungsgefahr kommen, an die Gerd Fritz zu Recht erinnert hat. Um dieser Verletzungsgefahr (und mehr noch der Sorge, eine andere Person zu verletzen, die man - warum auch immer - eigentlich gar nicht verletzen möchte) zu begegnen, braucht es Vermittlungsinstanzen. Diese Vermittlungsinstanzen müssen keine Mediatoren zwischen den Kontrahenten sein, sondern Personen, die eine potentiell kontroverse Position vermitteln, sich ihrer annehmen, diese popularisieren und die dafür sorgen, dass geeignete Beiträger für eine Replik gewonnen werden, so wie es im o.g. Beispiel in der &quot;Zeitschrift für Germanistik&quot; offensichtlich der Fall war. 

Letztlich gilt es also, ein online-Forum zu begründen, das von einer Redaktion getragen wird, die sich dem Anreizen von Kontroversen verpflichtet fühlt. Man darf allerdings die Möglichkeit des Scheiterns eines solchen Vorhabens nicht ausschließen. Kontroversen kennen Konjunkturen. Vielleicht ist derzeit eben nicht die Taktung verantwortlich für die Seltenheit von Kontroversen (wie ich meine), sondern vielmehr das mangelnde Interesse an der Kontroverse. Kontroversen können zwar inszeniert werden, aber nur wenn ihnen ein Konflikt und das Interesse an diesem zu Grunde liegen.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Gerd Fritz hat mit seinem Beitrag den Finger in eine Wunde der gegenwärtigen Wissenschaftskultur insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften gelegt. Seinem Befund stimme ich zu, allerdings möchte ich ihn etwas differenzieren, um dann, von seinen Überlegungen ausgehend, zwei konkrete Vorschläge zu formulieren.</p>
<p>Seiner Darstellung, dass insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften eine Kontroversenkultur derzeit kaum entwickelt ist, sollte differenziert werden. Es gibt beispielsweise Fachzeitschriften, in denen der Diskussion bzw. Kritik viel Platz eingeräumt wird. Ich denke etwa an die Diskussion um das &#8220;Wissen in der Literatur&#8221;, die von Tilmann Köppe in der &#8220;Zeitschrift für Germanistik&#8221; losgetreten wurde (2/2007). Problematisch für die Entstehung einer Kontroverse sind solche Diskussionen in Fachzeitschriften in erster Linie wegen der langen Zeiträume zwischen &#8220;Initialtext&#8221; (Wilfried Barner) und Replik. Kontroversen in den Geistes- und Kulturwissenschaften haben in der Regel eine Taktung, die der der Frühen Neuzeit entspricht. Das bedeutet, dass die Kontroverse manchmal erst nach mehr als einem Jahr aufgenommen bzw. fortgeführt wird. Nur wenige Zeitschriften sind in der Lage, hier eine raschere Fortführung der Kontroverse zu gewährleisten. Das genannte Beispiel ist eine seltene, positive Ausnahme. Diese langsame Taktung korrespondiert in keiner Weise mit der Beschleunigung der Wissenschaft, die ansonsten zu bemerken ist und die übrigens auch schon in der Aufklärung einsetzt &#8211; nur dass heute (anders als im 18. und 19. Jahrhundert) kaum mehr Medien in den genannten Wissenschaften etabliert sind, die dieser Beschleunigung Rechnung tragen. Zeitgenössische mediale Rahmungen sind aber Voraussetzung für eine breit rezipierte Kontroverse, denn die lebt immer auch vom Eindruck der Vehemenz und Engagiertheit, und dieser kommt eben auch durch die Schnelligkeit der Reaktion zum Ausdruck.</p>
<p>Mein Befund lautet also, dass uns das Interesse an der Kontroverse nicht ganz und gar abhanden gekommen ist, dass diese aber im wissenschaftlichen Diskurs auf Grund der Taktung einen entschiedenen Bedeutungsverlust erfahren hat. Ich meine auch nicht, dass diesem Bedeutungsverlust schlicht dadurch begegnet werden kann, dass Rezensionsorgane Replik-Möglichkeiten eröffnen. Sie werden fast nur von den Rezensierten genutzt. Eine Replik eines Rezensierten steht meist unter dem Verdacht, dass sie um Schadensbegrenzung und Vorteilnahme in eigener Sache bemüht ist und nicht um eine Kontroverse um den Gegenstand. Eine solche Replik erlangt deswegen meist keine Aufmerksamkeit.<br />
Da ich den Überlegungen von Marcelo Dascal und Gerd Fritz zustimme, dass Kontroversen wesentlich sind für die weitere Entwicklung und die Lebendigkeit einer Wissenschaft, ist also zu fragen, welche Rahmungen geschaffen werden müssen, um die atemberaubend langsame Taktung von geistes- und kulturwissenschaftlichen Kontroversen zu verändern. Gerd Fritz hat in seinem Beitrag schon deutlich gemacht, dass Formate dafür vorliegen, dass sie nur nicht genutzt werden. Ich möchte zwei Vorschläge formulieren &#8211; Widerspruch dazu ist, das liegt in der Natur der Sache, willkommen.<br />
1. Im Internet Rezensierte müssen die Möglichkeit eingeräumt bekommen, einer Redaktion Widerspruch gegen eine Rezension mitzuteilen. Die Redaktion sollte diese prüfen und sich dann um eine Antikritik bemühen. Sollte die Redaktion keinen Antikritiker finden, kann erwogen werden, ob dem Rezensierten die Möglichkeit eingeräumt wird, einen Antikritiker zu benennen. Potentielle Parteilichkeit kann die Redaktion publik machen &#8211; Parteilichkeit als solche ist aber kein Hinderungsgrund für eine Antikritik, sondern einer ihrer wesentlichen Motoren. Es gilt also gewissermaßen: Mehr Parteilichkeit wagen!<br />
2. Die Geistes- und Kulturwissenschaften müssen zu einem neuen Umgang mit der Verletzungsgefahr kommen, an die Gerd Fritz zu Recht erinnert hat. Um dieser Verletzungsgefahr (und mehr noch der Sorge, eine andere Person zu verletzen, die man &#8211; warum auch immer &#8211; eigentlich gar nicht verletzen möchte) zu begegnen, braucht es Vermittlungsinstanzen. Diese Vermittlungsinstanzen müssen keine Mediatoren zwischen den Kontrahenten sein, sondern Personen, die eine potentiell kontroverse Position vermitteln, sich ihrer annehmen, diese popularisieren und die dafür sorgen, dass geeignete Beiträger für eine Replik gewonnen werden, so wie es im o.g. Beispiel in der &#8220;Zeitschrift für Germanistik&#8221; offensichtlich der Fall war. </p>
<p>Letztlich gilt es also, ein online-Forum zu begründen, das von einer Redaktion getragen wird, die sich dem Anreizen von Kontroversen verpflichtet fühlt. Man darf allerdings die Möglichkeit des Scheiterns eines solchen Vorhabens nicht ausschließen. Kontroversen kennen Konjunkturen. Vielleicht ist derzeit eben nicht die Taktung verantwortlich für die Seltenheit von Kontroversen (wie ich meine), sondern vielmehr das mangelnde Interesse an der Kontroverse. Kontroversen können zwar inszeniert werden, aber nur wenn ihnen ein Konflikt und das Interesse an diesem zu Grunde liegen.</p>
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