Ein Format kommt selten allein – Formatverknüpfungen in der digitalen Wissenschaftskommunikation

Anita Langenhorst schrieb am 13. May 2009 um 11:46 Uhr:

Ein Format kommt selten allein: In wissenschaftlichen Mailinglisten-Diskussionen verweisen Beteiligte auf Beiträge in ihrem eigenen Blog, in Blogs tauchen Hinweise auf Listen-Diskussionen auf, Wikis werden mit Blogs verknüpft und so weiter. Die Infrastruktur des Internets lädt geradezu dazu ein, einzelne Beiträge über Hyperlinks miteinander zu verbinden und unterschiedliche Kommunikationsformate zu verknüpfen. Wenn man genauer hinschaut, bemerkt man nun, dass es nicht nur ganz verschiedene Formen solcher Verknüpfungen gibt, sondern dass diese Verknüpfungen auch ganz spezifische Funktionen aufweisen, die das Nutzungspotenzial des einzelnen Formats erweitern. Anhand von konkreten Threadverläufen untersuchen wir, wie und warum solche Formatverknüpfungen zustande kommen. Hier sollen exemplarisch ein paar Beispiele skizziert werden.

Ein Text – mehrere Formate – viel Aufmerksamkeit

Gründe für die gleichzeitige Verwendung mehrerer Formate kann es viele geben. Ein ganz offensichtlicher Grund dafür ist beispielsweise die gezielte Steigerung von Aufmerksamkeit. Wissenschaftler wollen, dass ihre Texte gelesen werden – egal, ob sie nun in Buchform, in einem wissenschaftlichen Journal oder eben in einem eigenen Blog publiziert wurden. Der Unterschied ist allerdings, dass sie bei Texten im eigenen Blog die „PR-Arbeit“ selbst übernehmen müssen. So kann man inzwischen immer häufiger beobachten, dass Blog-Betreiber ihre Texte auf mehreren Wegen „bewerben“. Sie weisen ihre Kollegen z.B. in Mailinglisten auf das Erscheinen eines neuen Blog-Beitrags hin, posten einen Link zu ihrem Blog in einem Kommentarbeitrag zu einem themenverwandten Blog-Beitrag eines Kollegen oder nutzen teilweise auch Social-Network-Dienste wie z.B. „Twitter“. Letzteres können wir seit einigen Monaten unter anderem beim linguistischen Gruppenblog „Language Log“ beobachten. Die Tweets (wie die Twitter-Nachrichten, die maximal 140 Zeichen lang sein dürfen, genannt werden), die Mark Lieberman und Co. verschicken (http://twitter.com/languagelog), enthalten dann jeweils die ersten ein bis anderthalb Zeilen ihres aktuellen Blog-Beitrags und einen Link, der den Tweet-Leser sofort zum Language-Log führt. Sie nutzen das zusätzliche Format in diesem Fall also im Prinzip nicht anders als einen RSS-Feed.

Neben der gezielten Aufmerksamkeitssteigerung gibt es aber auch noch viele andere Funktionen, die wir bei der Verknüpfung verschiedener Formate beobachten können und um die es uns hier im Wesentlichen gehen soll. Solche Verknüpfungen können auf der einen Seite ganz spontan zustande gekommen, sie können andererseits aber auch das Resultat längerer Planungen sein.

Formatverknüpfungen – ganz spontan…

Interessant sind zum Beispiel solche Fälle, in denen sich ein einziger Kommunikations-Thread ganz spontan über verschiedene Formate hinweg entwickelt und erkennbar wird, dass die einzelnen Formate dabei ganz unterschiedliche Funktionen übernehmen, so wie wir es u.a. in einer Diskussion der B-Greek-Mailingliste (http://www.ibiblio.org/bgreek/) verfolgen können. Dort haben wir gleich mehrfache Verknüpfungen mit verschiedenen Blogs vorliegen. Die Hauptdiskussion – eine Diskussion, die durch eine umstrittene wissenschaftliche Neuerscheinung angestoßen wird – findet zwar in der Mailingliste statt, sie wird aber durch verschiedene Blog-Beiträge auf unterschiedliche Weise ergänzt. Innerhalb der Liste verweisen beispielsweise einzelne Listenmitglieder auf ihren Blog, auf dem sie ausführlichere Erklärungen zu einzelnen Listenfragen, Zusatzinformationen oder Rezensionen zum Buch zur Verfügung stellen. Teilweise werden Beiträge, die nicht so recht in den Rahmen der Liste passen, regelrecht aus der Mailinglisten-Diskussion ausgelagert. Einer der Haupt-Teilnehmer, Michael Aubrey, weicht beispielsweise auf seinen Blog aus, um dort das, was er in den relativ kurzen Mail-Postings nicht so recht erklären konnte, etwas ausführlicher darzustellen: „I caused a bit of confusion over at the B-Greek list a couple weeks ago trying to explain Proximity, Tense and Temporal Reference. My goal had been simply to show how similar the views were, but I only ended up making things worse. But I want to rectify that. I’ve constructed a few charts, which I hope will help.“ (Michael Aubrey: Tense and Proximity – Another Attempt at Explanation. In: „En Epheso“. 15.11.2008) Der Blog bietet dann sozusagen den Hintergrund für die Mailinglisten-Diskussion. Aber auch den umgekehrten Fall erleben wir in diesem Thread. Einer der Diskussionsteilnehmer schreibt, als die Diskussion schon recht fortgeschritten ist, eine Rezension zu der umstrittenen Neuerscheinung, die er anschließend in einem Blog veröffentlicht. In der Rezension fasst er – zum Teil Wort für Wort – seine Argumente aus der Listendiskussion noch einmal zusammen. Die Liste „füttert“ hier also sozusagen den Blog – der wiederum übernimmt in diesem Fall die Funktion der Ergebnissicherung.

…oder gut geplant

Neben solchen spontanen Verknüpfungen gibt es aber inzwischen auch einige Beispiele, bei denen die Nutzer nicht nur kurzfristig auf die vielfältigen Verknüpfungsmöglichkeiten zurückgreifen, sondern diese auch ganz gezielt nutzen, um so die Grenzen einzelner Formate zu überwinden und die Nutzungsmöglichkeiten zu erweitern. Solchen systematischen Format-Konstellationen gehen meist längere Diskussionen voraus, in denen die Nutzer ihre Unzufriedenheit über die Unzulänglichkeiten des aktuellen Formats äußern und in denen sie dann meist auch gemeinsam nach Auswegen suchen. Im Rahmen von sehr umfangreichen Blog-Kommunikationen (also Blogs, in denen die Kommentarfunktion regelmäßig für ausgiebige wissenschaftliche Diskussionen genutzt wird) wird häufig die mangelnde Übersichtlichkeit und schlechte Auffindbarkeit einzelner Beiträge beklagt, wie z.B. im Gruppenblog „The n-Category Café“: „[...] a blog is not optimal for finding all that material. A blog is great for conversations, but we need something that’s more like an enormous collection of papers organized according to subject.“ (The n-Category Café, 2.09.07) Ein weiteres Beispiel stammt aus dem „Gowers Blog“: „[...] a blog is perhaps the wrong format for this type of experiment (or future experiments). Its sequential format obviously presents difficulties in following/retrieving information.“ (Gowers Blog, 6.02.09).
In beiden Fällen haben sich die Nutzer nach einiger Diskussion dazu entschlossen, zusätzlich zum Blog ein Wiki einzurichten. Sämtliche Diskussionen werden zwar weiterhin im Blog geführt – wichtige Ergebnisse werden aber anschließend zusätzlich im Wiki gesichert und angemessen dokumentiert.

Formate konkurrieren nicht, sondern ergänzen sich

Wir können hier also regelrecht eine funktionale Aufteilung zwischen den verschiedenen Formaten beobachten: Der Blog fungiert dabei als Hervorbringungsmechanismus, das Wiki dagegen als Ergebnissicherungs- instrument.
Was hier im zweiten Fall recht gezielt abläuft, konnten wir in ähnlicher Form aber auch schon im B-Greek-Beispiel beobachten – zwar noch nicht so ausgereift, aber die Ansätze sind auch dort schon erkennbar: Während die Mailingliste in diesem Fall die Rolle des Hervorbringungsmechanismus’ übernimmt, wird dort der Blog für ausführlichere Darstellungen und zur Ergebnissicherung genutzt.

Wohin soll das führen?

Das ist eine Frage, die nur sehr schwer und mit aller Vorsicht zu beantworten ist. Vorstellbar ist so manches – vielleicht bleibt alles wie es ist, möglicherweise erkennen zukünftig aber auch noch mehr Wissenschaftler die Potenziale solcher Formatverknüpfungen und beginnen sie stärker strategisch und systematisch zu nutzen. Eine Möglichkeit der systematischen Nutzung besteht darin, mehrere Formate unter ein Dach zu bringen. Diese Tendenz zur Bündelung von Formaten, die wir schon jetzt an einigen Stellen in der digitalen Wissenschaftskommunikation beobachten können, wird in Bezug auf Nachrichtenmedien als „Portalisierung“ bezeichnet. Vielleicht gibt es aber auch bald ein Superformat, das die Funktionen aller derzeitigen Formate in sich vereinigt?

Anmerkung
Der Blog-Beitrag basiert auf einem Vortrag, den ich im Februar gemeinsam mit Gerd Fritz bei der Tagung „Mediengattungen: Ausdifferenzierung und Konvergenz“ (gemeinsame Tagung der Fachgruppe „Mediensprache und Mediendiskurse“ der DG PuK und der Sektion „Medienkommunikation“ der Gesellschaft für Angewandte Linguistik) gehalten habe. Gegenstand und Titel des Vortrags waren „Konstellationen und Konvergenzen von Formaten in der digitalen Wissenschaftskommunikation”. Sobald es eine publizierte Version des Vortrags gibt, werden wir selbstverständlich hier im Blog darauf hinweisen.

(Sie können den Beitrag auch als PDF-Version abrufen: pdf)

Empfohlene Zitierweise:
Langenhorst, Anita: Ein Format kommt selten allein – Formatverknüpfungen in der digitalen Wissenschaftskommunikation. In: TP IV-Blog. Gepostet am: 13.05.2009. URL: http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/05/formate/.

3 Kommentare zu “Ein Format kommt selten allein – Formatverknüpfungen in der digitalen Wissenschaftskommunikation”

  1. Jan

    “Vielleicht gibt es aber auch bald ein Superformat, das die Funktionen aller derzeitigen Formate in sich vereinigt?”

    Ich glaube nicht, dass sich ein BlogWikiMailinglistTwitter-Superformat in absehbarer Zeit durchsetzen wird. Es gibt ja bereits heute unzählige Communities, die mehrere dieser Kommunikationsformen ermöglichen. Das Problem dabei ist jedoch, dass es eben geschlossene Gemeinschaften sind an deren Funktionen nur teilhaben kann, wer sich vorher dort registriert und das man nur die Aktivitäten von Personen verfolgen kann, die beim selben Anbieter angemeldet sind.

    Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass sich übergeordnete Aggregationsdienste nach dem Muster von Friendfeed durchsetzten werden, die es ermöglichen format- und anbieterübergreifend alle Beiträge interessanter Personen zu aggregieren. Der Vorteil liegt darin, dass man sich nicht bei vielen verschiedenen Webseiten registrieren muss, sonden einfach den Outstream einer Person abboniert und damit alle relevanten Informationen verfolgen kann, gleichgülig ob es sich dabei um einen Blogbeitrag, einen Eintrag ins Wiki oder eine Präsentation handelt.

    Was diesen Diensten noch fehlt ist allerdings eine vernünftige Funktion zur eigenen organisierten Archivierung relevanter Beiträge.

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    Anita Langenhorst schrieb am 14.05.2009 um 10:09 Uhr:

    In gewisser Weise stimme ich Dir zu, allerdings glaube ich, dass wir diesbezüglich stärker differenzieren müssen. Bei den Beispielen, die ich angeführt habe und auf die ich mich im Beitrag beziehe, geht es ja gerade nicht darum, sämtliche Beiträge einzelner “interessanter” Personen zu verfolgen, sondern um die “Gemeinschafts-Aktivitäten” einer bestimmten Gruppe. Ich glaube nicht, dass man diese Art von Diskussionen über übergeordnete Aggregationsdienste, die ja (wenn ich das richtig sehe) auf Personen und nicht auf Themen ausgerichtet sind, einfangen könnte. Wichtige Beiträge von Personen, die man bis dahin vielleicht gar nicht registriert hat, würden dabei verloren gehen. (In den Mailinglisten erlebt man immer wieder, dass sich “Lurker”, also die, die sich sonst nie aktiv beteiligen, plötzlich mit wichtigen Beiträgen zu Wort melden.)

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  2. Olli

    Wieder einmal einfurchtbar interessanter Beitrag, den ich wohl beim ersten Mal glatt überlesen habe.
    Man muss glaube ich zwischen zwei verschiedenen Aspekten trennen. Auf der einen Seite die technsichen Aspekte der unterschiedlichen Formate mit den möglichen Strategien zur Portalisierung und auf der anderesn Seite die kommunikative Perspektive.
    Hier stellt sich wohl die Frage, wir die Verbindungen zu anderen Formaten sprachlich-funktional realsiert sind. Lassen sich hier bestimmte Handlungen clustern?
    Betrachtet man z.B. eine Auszeichnungsssprache wie XML als Brücke zwischen diesen beiden Sichtweisen so könnte man überlegen, wie man die Handlungscluster strukturiert und ggf in ein Schema bzw. eine DTD giesst, die man dann wieder bei der Portalisierung anwenden kann.

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